Auf Münzen des Deutschen Reichs von 1871 stand als Randprägung „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Obwohl völlig anders formuliert, verfolgte das sozialistische Leistungsprinzip mehr oder weniger das gleiche Anliegen:

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen“.

Dies war theoretisch sicher keine schlechte Idee. Leider hat es nicht funktioniert – zumindest nicht in der DDR, weil bei weitem nicht alle dem imaginierten Bild des fleißigen und ehrlichen Menschen entsprachen. Das wurde mit Sprüchen wie „Wissen ist Macht – Nichtwissen macht nichts“ oder „Privat geht vor Katastrophe“ ironisch verbrämt.

Nicht oder zumindest nicht wie von der Allgemeinheit erwartet zu arbeiten – und demzufolge nichts oder nur wenig an Leistung im Sinne des Gemeinnutzes zu geben – wurde nicht sanktioniert. Dennoch gut zu leben, war die Regel, denn niemand blieb sich selbst überlassen und selbst der Faulste musste nicht um Essen oder Wohnung bangen.

Kein Wunder also, dass Verhaltensweisen um sich griffen, die sich mit Parolen wie z.B. „Freitag ab eins – macht jeder seins“ oder „Dummheit schafft Freizeit“ zu erkennen gaben. Solchen Leuten war ohne Zwang nicht beizukommen. Durch die Unsitte, dass Funktionsträger der gesellschaftlichen Organisationen wie SED, FDGB oder FDJ in allen größeren Betrieben auf Kosten der Belegschaft von der Arbeit mehr oder weniger freigestellt waren, erhielten die Faulbuckel auch noch Wasser auf ihre Mühlen.

Das kritisierte Verhalten einiger Mitbürger der ehemaligen DDR hatte aber auch eine tiefere gesellschaftliche Ursache, denn wer in einem System lebt, das Leistung nicht belohnt und Nichtleistung nicht sanktioniert, verhält sich so, wie das System es zulässt. Mit anderen Worten: Dass sich einige DDR-Bürger durch "Faulenzia & Drücketismus" auszeichneten, war keine Charaktereigenschaft der Ostdeutschen, sondern dem Gesellschaftssystem anzulasten.

Der Kapitalismus funktioniert nach meiner festen Überzeugung deshalb so gut, weil jedem, der keine rechte Lust zur Arbeit hat, immer wieder die „Folterwerkzeuge“ vor Augen geführt werden, z.B. durch Bettler, Arbeitslose, Obdachlose und „Hartz IV“. Von solchen Schicksalen war in der DDR keiner bedroht – leider, muss man wohl sagen, denn schlechte Beispiele verderben gute Sitten. Dies zeigte sich in drastischer Weise anhand der Arbeitsproduktivität:

„Die Arbeitsproduktivität der DDR lag im Jahr 1988 bei nur etwa 20 bis 25 Prozent des Westens.“

Quelle: Bundesregierung: Die wirtschaftliche Lage der DDR vor der Wende 1989

Wie die Arbeitsproduktivität durch Manipulation der Normen und Gammeln während der Arbeitszeit gedrückt wurde, habe ich selbst miterlebt, als ich 1967 und 1969 jeweils einige Wochen beim damaligen VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Gera, Betriebsbereich Pößneck jobte.

Um eine DM (West) zu erhalten, musste man in den Wechselstuben am Bahnhof Zoo in West-Berlin zwischen vier und fünf Ost-Mark zahlen. Dieser von DDR-Seite als „Schwindelkurs“ gebrandmarkte Umtauschsatz entsprach ziemlich genau dem Verhältnis der Arbeitsproduktivität von Ost und West. Ob es sich dabei um reinen Zufall handelt oder ob tiefere ökonomische Zusammenhänge dies erzwangen, entzieht sich meiner Kenntnis. Eines aber glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können: Der gravierende Rückstand der DDR in der Arbeitsproduktivität war den führenden Genossen nicht unbekannt. In Kenntnis des folgenden Ausspruchs von Lenin hätten bei ihnen alle Alarmglocken schrillen müssen:

„Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das allerwichtigste, das ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung.“

Quelle: W. I. Lenin, „Die große Initiative“

Buchcover: Jürgen Kuczynski, Dialog mit meinem Urenkel
Abb. 1: Buchtitel „Dialog mit meinem Urenkel“

Anstatt aber sämtliche Hebel in Bewegung zu setzen, um den Rückstand zu überwinden, erging man sich in Selbstbeweihräucherung. Typisch hierfür z.B. die Ausführungen des Wirtschaftswissenschaftlers J. Kuczynski in seinem Buch „Dialog mit meinem Urenkel“, das seinerzeit in der DDR große Resonanz fand. So wie er setzte wohl die gesamte SED-Elite darauf, dass der Kapitalismus kraft der ökonomischen Gesetze an seinen Krisen von selbst zugrunde geht. Wie wir sahen, kam es anders.

Die Überlebensfähigkeit des Kapitalismus wird heute aufgrund des Klimawandels erneut in Frage gestellt. Viele linke Akteure auf der politischen Bühne fordern „System Change“. Diese Seite der Kapitalismuskritik ist aber nicht wirklich neu.

Buchcover: Wolfgang Harich, Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der Club of Rome
Abb. 2: Buchtitel „Kommunismus ohne Wachstum?“

Wolfgang Harich z.B., ein systemkritischer Marxist, der von den DDR-Oberen 1956 verhaftet, 1957 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und 1964 amnestiert wurde, warnte bereits 1975 in einem Text zur Rezeption der Berichte des Club of Rome vor den Gefahren des Klimawandels:

„Es sind durch die Industrialisierung Prozesse ausgelöst worden, die teils auf eine neue Eiszeit, teils auf den Hitzetod hintreiben, und niemand weiß, wie sie sich, unter welchen Unwetterkatastrophen, und ob sie sich überhaupt einmal ausbalancieren werden. Die letzten anomalen Wintertemperaturen lassen bereits nichts Gutes ahnen.“

Quelle: Wolfgang Harich, 1975 – Volltext als PDF bei detopia.de

Mit Verve vertrat er die Auffassung, dass der Kapitalismus überwunden werden muss, um den Untergang der Menschheit zu verhindern, der bei Beibehaltung des wirtschaftlichen Wachstums unabwendbar droht. Nur der Kommunismus könne die Menschheit retten.

„Der Sturz der Bourgeoisie, die Errichtung der Diktatur des Proletariats und die Verwirklichung des Kommunismus sind die Voraussetzungen dafür, die Forderungen des Club of Rome in der Gesellschaft durchzusetzen.“

Quelle: Harich, a.a.O.

In diesem Zusammenhang beschreibt er, wie seiner Meinung nach der Kommunismus zu gestalten wäre. Die Marxsche Formel der Bedürfnisbefriedigung im Kommunismus „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms) könne vor dem Hintergrund der ökologischen Zwänge nicht aufrechterhalten bleiben. Er spricht sich dabei im Grunde genommen mehr oder weniger offen für eine Öko-Diktatur aus, denn nicht jeder könne allen Luxus haben, sondern müsse sich auf das Notwendigste beschränken.

„Unserem Programm der Bedürfnisbefriedigung müssen wir, mit dem Vorsatz, es in ökologisch verantwortbaren Grenzen zu halten, eine differenzierende kritische Bestandsaufnahme all der Bedürfnisse vorausschicken, die sich im Verlauf des Geschichtsprozesses beim Menschen herausgebildet haben; die uns besonders die Klassengesellschaft, mit dem Luxus- und Prestigekonsum ihrer herrschenden Schichten, und zumal die kapitalistische, mit ihrer Profitjägerei, ihrem Konkurrenzkampf der Kapitale, ihrem Drang zur Erschließung immer neuer Absatzmärkte, hinterlassen hat. … Umweltgerechtes Verhalten, sparsamer Umgang mit Rohstoffen und Energie, ökologisch verantwortungsbewußter Konsum, Schutz der Natur, moralische Ächtung aller Verschwendung usw. müssen den Menschen zu «ersten Lebensbedürfnissen», d.h. selbstverständlichen Gewohnheiten, geworden sein, ehe an die Verwirklichung der Formel «Jedem nach seinen Bedürfnissen» gedacht werden kann …“

Quelle: Harich, a.a.O.

Jeder wünsche sich z.B. ein „Wochenendhaus auf einem am Ufer eines Sees gelegenen Grundstück“. Dieses Bedürfnis wäre aber „selbst in Finnland, dem Land der tausend Seen“ nicht zu befriedigen. Ein „Bedürfnis, das auf dieses Konsumgut, diesen Gebrauchswert gerichtet ist, hätte dementsprechend als «antikommunistisch» zu gelten“. Harich fordert, dass die Ökologie nicht außer Acht bleiben dürfe,

„… wenn Seen und Seeufer zur Debatte stehen, auf deren Ökosysteme die Zersiedelung der Landschaft durch Wochenendhäuser und -grundstücke halt eine verheerende Wirkung ausübt. Da erweist eine nicht mehr bloß sozialistische, sondern kommunistische Gesellschaft sich als die Rettung, vorausgesetzt, ihr striktes Gleichheitsprinzip wird vom proletarischen Staat als Instrument zur Unterdrückung naturfeindlicher Bedürfnisse benutzt (die im hier als Beispiel herangezogenen Fall zugleich den Charakter antikommunistischer Bedürfnisse haben).“

Quelle: Harich, a.a.O.

Vor dem Hintergrund dieser Argumentation enthält mein DDR-BRD-Vergleich überwiegend „antikommunistische Bedürfnisse“. Und bevor wir den einst auch von mir befürworteten Zustand kommunistischer Verhältnisse erreichen, müssten wir uns wohl von unserem Grundstück trennen!

Die Frage der Bedürfnisse kann indes nicht so flapsig abgetan werden, denn dahinter steht – siehe oben – die Frage des Wachstums der Wirtschaft und damit letztlich die Frage des Wohlstands der Bevölkerung. Wachsender Ressourcenverbrauch und zunehmende Umweltbelastung schienen bislang damit untrennbar verbunden. Indem die Bedürfnisse beschnitten werden, lässt sich dieses Problem zumindest theoretisch lösen. Doch der Schnitt müsste äußerst drastisch ausfallen, denn die US-Amerikaner z.B. verbrauchen dreimal mehr, als die Erde hergibt bzw. an Belastung verkraftet. Für die BRD wurde eine Überlastung von 150 %, für alle untersuchten Länder der Erde insgesamt ein „Overshoot“ von 160 % ermittelt (Angaben nach Germanwatch). Dass davon freiwillig gelassen wird, kann niemand ernsthaft glauben. Noch weniger ist zu erwarten oder gar zu verlangen, dass die breite Masse der Menschen in Ländern wie Indien oder Kongo auch zukünftig auf ihrem jetzigen Niveau des Wohlstands verbleibt. Ein Verzicht auf die mittlerweile erworbenen Annehmlichkeiten des Lebens nach dem Motto „Zurück auf die Bäume“ ist also keine Lösung. Nur wenn Wirtschaftswachstum auf der einen und Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung auf der anderen Seite nachhaltig entkoppelt werden, lassen sich heutige und zukünftige Bedürfnisse mit intakter Umwelt auf Dauer in Einklang bringen.

Die folgende Grafik zeigt, wie sich die Inanspruchnahme der Umwelt weltweit entwickeln müsste, wenn bis zum Jahr 2050 nicht nur die Klimaneutralität erreicht, sondern auch alle anderen Belastungen der Umwelt auf ein für die Erde verträgliches Maß zurückgeschraubt werden sollen. Dabei wird unterstellt, dass die Weltwirtschaft um 3,3 % jährlich wächst (ausgehend von 2020 = 100 %), das ist der Mittelwert des Wachstums von 1980 bis 2020 (auf der Grundlage der Angaben von Statista). Gleichzeitig muss die Summe des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung aller Länder auf dieser Erde jährlich um mindestens 1,55 % abnehmen. Letzteres führt dazu, dass die Inanspruchnahme der Umwelt von 160 % der vertretbaren Größenordnung im Jahr 2020 auf 100 % im Jahr 2050 verringert wird.

100% 120% 140% 160% 180% 200% 220% 240% 260% 280% 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 Wirtschaft Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung
Abb. 3: Zukünftiges Wachstum der Weltwirtschaft und erforderliche Senkung der Umweltinanspruchnahme (fiktiv)

Je näher wir der Zielmarke von 2050 kommen, muss der Abstand zwischen beiden Kurven immer größer werden.

Schau 'n wir mal, ob unsere Politiker einen Weg dahin finden …

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