In der DDR habe ich etwa 41 Jahre gelebt und mittlerweile kann ich auch auf 37 Jahre als Bundesbürger zurückblicken. Ich darf mir deshalb einen Vergleich zwischen diesen beiden Systemen erlauben. Dazu will ich eine Methode verwenden, die die Engländer von WRc gleich zu Anfang meiner Tätigkeit als Geschäftsführer der EnviaTec GmbH vorschlugen. Die Vor- und Nachteile von zwei Alternativen im Geschäftsleben werden danach in folgender Matrix gegenübergestellt:

Matrix zur Gegenüberstellung zweier Alternativen
Alternative Strengths
(Stärken, Vorteile)
Opportunities
(Chancen, Entwicklungsmöglichkeiten)
Weaknesses
(Schwächen, Nachteile)
Threats
(Bedrohungen, Gefährdungen)
Alternative 1
Alternative 2

Diese Matrix kann ich insoweit verkürzen, als die „Threats“ für die DDR ja schon zum Todesstoß geworden und somit auch die „Opportunities“ dahin waren.

Die Tabelle vereinfacht sich somit zu

Verkürzte Matrix: Stärken und Schwächen für DDR und BRD
System Stärken, Vorteile Schwächen, Nachteile
DDR
BRD

Das ist simpel, aber auch sofort zu verstehen. Meine Gegenüberstellung von DDR und BRD in den beiden Tabellen des tabellarischen Vergleichs erfolgt nach dieser einfachen Betrachtungsweise. Gegenstand der Bewertung sind 19 verschiedene Aspekte von Politik und Wirtschaft, die besonderen Einfluss auf das Leben der Bürger haben. Die Auswahl der betrachteten Aspekte ist von meinen persönlichen Eindrücken geprägt und sie ist lückenhaft. Beispielsweise habe ich Reisefreiheit oder Rechtsstaatlichkeit gar nicht erst aufgeführt, denn hier beantwortet sich die Frage nach dem besseren Gesellschaftssystem von selbst.

In zwei Punkten habe ich meine ursprünglich positive Beurteilung der BRD zurücknehmen müssen: beim ÖPNV und der Energie.

Beim ÖPNV der Bundesrepublik sah ich Anfang der 90er Jahre noch einen geringen Nachholbedarf bei der Instandhaltung der Gleistechnik und Bahnhöfe. Das hat sich aber in das Gegenteil verkehrt, nachdem die Deutsche Bahn in zehn Jahren unter der Ägide von H. Mehdorn kaputt gespart wurde, weil er sie mit aller Macht fit für die Börse machen wollte. Die Persiflage „Sparen, koste es, was es wolle“ trifft es am besten … Kunden der Bahn spüren das heute vor allem an Zügen, die unpünktlich verkehren oder gänzlich ausfallen.

Eine ähnlich ungünstige Entwicklung ist bei der Energieversorgung zu verzeichnen. Sie beruhte viele Jahre auf einem ständig angepassten Mix aus Erdöl, Erdgas, Kohle, Kernkraft und erneuerbaren Energien. Zwei Einschnitte haben ihn verändert: der 2011 unter Bundeskanzlerin Merkel beschlossene Ausstieg aus der Kernkraft und das Ende der russischen Gaslieferungen 2022. Der zweite war keine deutsche Entscheidung, sondern die Folge des Krieges: Russland drosselte die Lieferungen über Nord Stream 1 ab Mitte 2022 und stellte sie am 2. September ganz ein; am 26. September wurden die beiden Stränge von Nord Stream 1 und eine Leitung von Nord Stream 2 durch Sprengstoffanschläge zerstört. Russisches Öl wurde durch die EU auf dem Seeweg mit einem Embargo belegt; den Bezug über die Druschba-Pipeline stellte Deutschland zum 1. Januar 2023 zusätzlich freiwillig ein. Deutschland verlor damit seine billigste Energiequelle. Der Kernkraftausstieg verschärfte die Lage. Als Ergebnis dieser doppelten Einschnitte – und der unterlassenen Vorbereitung darauf – sind mehr oder weniger die gesamte Wirtschaft und alle Bürger von exorbitanten Energiepreisen betroffen, und die einst prosperierende chemische Industrie gerät ins Trudeln (z.B. DOMO Caproleuna GmbH, PCK Raffinerie Schwedt).

Dennoch ziehe ich heute aus dem Ost-West-Vergleich als Resümee, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem der Bundesrepublik dem sozialistischen System der DDR im Alltag deutlich überlegen ist. Lediglich bei Bildung und Erziehung und bei Kultur sehe ich die DDR vorn. Bei ÖPNV und Energie steht es unentschieden. Alle anderen Aspekte gehen an die BRD. Bei alldem darf jedoch die unterschiedliche Ausgangslage nach 1945 nicht übersehen werden: Die BRD hatte Marshall-Plan-Hilfe, harte Währung, Zugang zum Weltmarkt und den Sicherheitsschirm; die DDR war abgeriegelt, hatte keinen Kapitalmarktzugang und zahlte Reparationen.

In der Tabelle für die DDR stehen sich häufig eine niedrige Gebühr als Plus und der Verfall als Minus gegenüber. Das sind im Grunde genommen nur zwei Seiten derselben Medaille: Zu niedrig angesetzte Preise bedeuten unzureichende Finanzierung – und diese wiederum bewirkt unterlassene Instandhaltung/Instandsetzung und damit Verfall der Substanz. Eine Wirtschaft ohne harte Währung, mit staatlich verwalteten Preisen und ohne Sanktion für schlechte Leistung zerstört ihren eigenen Bestand.

Was in der DDR die Preisbindung war, ist in der Bundesrepublik der Konkurrenzdruck: In Tab. 2 ist manches Plus nur die Kehrseite des Minus. Auch in der BRD ist eben nicht alles Gold, was glänzt! Am meisten stören mich aber im heutigen Deutschland einige Dinge, die nicht in den Kontext von Tab. 1 und Tab. 2 passen und deshalb unberücksichtigt blieben:

  • das wachsende Wohlstandsgefälle zwischen arm und reich,
  • der ständig zunehmende Egoismus

und

  • die fast reflexive Gefolgschaft gegenüber einer transatlantischen Linie, die sich gegen Russland und China richtet, ohne dass hierzulande ernsthaft gefragt würde, wessen Interessen sie eigentlich dient.

Hinzu kommt, dass israelische Regierungspolitik in Deutschland kaum noch sachlich kritisiert werden kann, ohne dass man des Antisemitismus bezichtigt wird.

Einige Freunde und Bekannte, mit denen ich die Vor- und Nachteile von DDR und BRD diskutierte, sehen die DDR auch in Bezug auf die soziale Sicherheit vorn. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber: Soziale Sicherheit ohne Sanktion verleitet – wie in der DDR immer wieder erlebt – zur Bequemlichkeit. Von daher sehe ich das eher als Nachteil denn als Vorteil an.

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